Interview mit Martin Streb, Chief Operating Officer (COO) Gigaset Communications GmbH
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Gigaset Communications - Telefone "made in Germany"
Vor nunmehr 16 Jahren traten die schnurlosen Telefone mit der Einführung des DECT-Standards ihren Siegeszug rund um die Welt an. Maßgeblich beteiligt an diesem Erfolg ist die Firma Gigaset Communications aus München, deren Geräte inzwischen in jedem zweiten Haushalt in Deutschland stehen. Wir besuchten die Produktionsstätte in Bocholt, wo seit 1941 Telefone hergestellt werden und sprachen mit Martin Streb, Chief Operating Officer (COO) der Gigaset Communications GmbH.
Ja-zu-Deutschland: Herr Streb, Ihre Produktionsstätte in Bocholt baut seit 1941 Telefone. Welche Innovationen gingen vom Standort Bocholt aus?
Martin Streb: Wir haben die Entwicklung der Schnurlostelefonie seit Beginn der neunziger Jahre geprägt. Dazu gehört der Standard DECT selbst genauso wie heute selbstverständliche Funktionen wie der integrierte Anrufbeantworter, SMS im Festnetz und Freisprechen. Zunächst noch auf DECT, später auf HomeRF-basierend integrierten wir früh die Datenwelt in unsere Produkte. Zu den wichtigen Neuentwicklungen der vergangenen Jahre gehört vor allem ECO-DECT, das wir in unser komplettes Portfolio integriert haben sowie die Weiterentwicklung in Form des ECO-Modus Plus. Unsere Telefone sind dadurch im Standbybetrieb absolut strahlungsfrei. Führend sind wir auch beim Thema Online-Telefonie und Online-(IP-) Services auf nutzerfreundlichen Hybridtelefonen, die sowohl über das Festnetz- als auch über die LAN-Verbindung funktionieren. Das erste zertifizierte Telefon mit dem neuen CAT-iq Standard, dem für IP-Telefonie entwickelten Nachfolgestandard von DECT, war ein Siemens Gigaset.
Ja-zu-Deutschland: Noch tragen Ihre Telefone den Markennamen Siemens Gigaset. Künftig wird nur noch Gigaset auf Ihren Produkten stehen. Wie kam es zu der Trennung vom Siemens Mutterkonzern?
Martin Streb: Siemens hat entschieden, sich strategisch auf die drei Säulen Medizintechnik, Industrie und Energie zu konzentrieren. Daher wurde der ehemalige COM-Bereich aufgelöst und schließlich Siemens Gigaset an die Arques Industries AG veräußert.
Ja-zu-Deutschland: Siemens steht für den Produktionsstandort Deutschland und für eine lange Tradition. Gigaset als Markenname alleine bietet keine Assoziation mit dem Standort Deutschland. Wie wollen Sie diese positive Assoziation herstellen?
Martin Streb: Gerade in Deutschland ist der Markenname „Gigaset“ sehr bekannt und wird weithin als Synonym für Schnurlostelefonie verstanden. Qualität Made in Germany ist zudem ein zentraler Bestandteil unserer weltweiten Marketingstrategie. Unsere Standortvorteile sind die jeweils hohe Qualität, Flexibilität, Liefertreue und -geschwindigkeit, die hohen Umweltstandards und eine hervorragende Servicestruktur. Schließlich vermitteln wir dem Kunden zunächst am Point of Sale und dann in der Benutzung der Produkte ein Qualitätserlebnis, das er auch künftig mit dem Namen Gigaset verbindet.
Ja-zu-Deutschland: Festnetztelefonie ist ein schwieriges Thema. Während zunächst die IP-Telefonie günstiges Telefonieren durch Flatrates versprach, gibt es jetzt auch Doppelflatrates für Telefon und IP. Als Hersteller haben Sie beide Systeme im Angebot, aber womit werden wir in Zukunft telefonieren?
Martin Streb: Die Netzanbieter haben angekündigt, ihre Netze in den nächsten Jahren auf IP umzustellen. Für den Verbraucher wird sich so schnell kaum etwas ändern. Er wird seine analogen oder ISDN-Telefone noch viele Jahre nutzen können. Mit unseren Hybridgeräten bieten den Kunden schon jetzt die Möglichkeit, zusätzlich über den DSL-Anschluss alle Vorteile der IP-Welt zu nutzen, beispielsweise ein Online-Telefonbuch oder Nachrichtendienste. Die breitbandige Sprachübertragung zwischen unseren CAT-iq-fähigen IP-Telefonen schafft zudem ein völlig neues Klangerlebnis. Besonders Freiberufler, Heimarbeiter oder kleinere Firmen werden in naher Zukunft verstärkt die Vorteile von IP nutzen. Auch dieses Feld decken wir ab und bieten heute bereits reine IP-Tischtelefone wie das Gigaset DE380 IP R an. Weitere Produkte werden folgen.
Ja-zu-Deutschland: Im Gegensatz zu der Miniaturisierungswelle bei Mobiltelefonen fallen die DECT-Telefone durchweg größer aus. Möchte der Kunde aus Tradition einen großen „Hörer“ in der Hand halten wenn er das Festnetz nutzt, oder können wir auch hier bald mit Klapptelefonen rechnen?
Martin Streb: Kleine Telefone, beispielsweise das Gigaset Micro, gibt es schon seit vielen Jahren. Jedoch ist der Markt für Telefone im Handyformat vergleichsweise klein. Beim Telefonieren zu Hause steht Komfort an erster Stelle: Dazu gehören gut lesbare Displays, ausreichend große Tasten und ein guter Klang. Einen Winzling benutzen hieße, Abstriche hinzunehmen. Bei kleinen Telefonen beispielsweise empfinden manche Menschen zudem den Abstand vom Mund zum Micro als zu groß.
Ja-zu-Deutschland: Siemens Mobile wurde der Vorwurf gemacht, dass man zu spät auf Kundenwünsche reagierte und die Handys dementsprechend zu funktionell waren. Ihre DECT-Telefone bieten inzwischen SMS, MP3-Klingeltöne und Outlook-Synchronisierung. Sicher will man nicht den gleichen Fehler machen, aber besteht tatsächlich eine Nachfrage nach diesen Gimmicks?
Martin Streb: Es ist immer wichtig, die Balance zu finden zwischen dem, was der Kunde wirklich nutzt und einer Differenzierung am Markt. Unsere Telefone sind viel stärker auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet, so dass die Ausstattung je nach Einsatzzweck variiert. Bei Einsteigergeräten achten wir auf einfache Bedienung, lange Standbyzeiten. Geräte für ältere Menschen wie das Gigaset E360 besitzen zusätzliche Notfallfunktionen, größere Tasten, lautere Klingeltöne und sind hörgerätekompatibel. Unsere spritzwassergeschützten Produkte wie aktuell das Gigaset E490 entsprechen dem Einsatz bei Familien oder im Handwerk während S-Klasse Produkte wie das neue Gigaset S790 mit PC-Synchronisation für ein professionelles Kontaktmanagement ausgerüstet sind. Schließlich heben sich Premiumgeräte der SL-Klasse durch ein exklusives Design, besondere Materialien und zusätzliche Ausstattung wie Bluetooth ab. Im letzten Jahr haben wir mit dem Gigaset SL780 ein komplett neues, icongestütztes User-Interface eingeführt, dass die Bedienung noch intuitiver macht und sich nun auch auf dem C590 und S790 findet. Hier bieten wir beispielsweise die Umschaltung von einem reduzierten Standardmenü zu einem umfangreicheren Expertenmenü an.
Ja-zu-Deutschland: Mit der Einführung von ISDN in den 90ern wurde das Bildtelefon beworben. Jetzt Jahre später, wäre es dank IP technisch möglich. Was ist aus dieser Idee geworden, ist diese Technik für den Massenmarkt nicht interessant?
Martin Streb: In der Tat hat sich die Situation heute durch die Internet-Communities geändert. Damals konnten sich viele Menschen nicht vorstellen, beim Telefonieren gesehen zu werden. Heute gehört eine Webcam zum Standard bei vielen PCs. Wir beobachten diesen Trend und können uns vorstellen, dass die Bildübertragung bei IP-Telefonaten in den nächsten Jahren eine größere Rolle spielen könnte.
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Ja-zu-Deutschland: Im Oktober 2008 hat Siemens 80,2 Prozent der Anteile Ihres Unternehmens an den Investor Arques Industries AG verkauft. Das Wirtschaftsmagazin Capital berichtete bereits in seiner August 09 Ausgabe von zahlreichen Problemen mit Ihrem Investor. Spüren Sie Auswirkungen dieser Situation?
Martin Streb: Die Entwicklungen der Holding stehen nicht in direktem Zusammenhang mit unserem Geschäft, daher möchten wir diese auch nicht kommentieren.
Ja-zu-Deutschland: Ihr Unternehmen war fest eingegliedert in den Siemenskonzern und konnte von zahlreichen Unternehmensbereichen profitieren. In Ihrem Werk stehen noch heute Fujitsu-Siemens Rechner, Siemens Bestückungsautomaten und Sie konnten von Techniken profitieren, die bei Siemens Mobile entwickelt wurden. Wie geht es alleine weiter, wenn alle Unternehmensbereiche von Siemens nach und nach verkauft werden?
Martin Streb: Die Herauslösung aus den Siemens-Strukturen ist bei uns nahezu abgeschlossen. Wir agieren weiterhin als weltweites Unternehmen – nunmehr mit mittelständischen Strukturen. Wir konnten uns dadurch in punkto Flexibilität und Effizienz erheblich verbessern. Die Kompetenz für unsere Telefone befand sich bereits seit der Trennung von den Handys (2005) vollständig bei uns. Auch die Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern, darunter ehemalige Siemens-Töchter oder -Bereiche, ist effizienter geworden. Bei der Lieferantenwahl agieren wir genauso flexibel wie jedes andere Unternehmen in der Branche.
Ja-zu-Deutschland: Herr Streb, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg für Ihr Unternehmen.
Text: © JzD - SR
Bild: © Gigaset Communications GmbH



